Die Europäische Zentralbank empfiehlt den Bürgern in der Eurozone, ausreichende Bargeldreserven für Krisenzeiten anzulegen. Diese Empfehlung basiert auf umfangreichen Analysen, die zeigen, dass physische Währung in Notfallsituationen eine unverzichtbare Rolle spielt. Aktuell befinden sich 30,4 Milliarden Banknoten mit einem Gesamtwert von 1,6 Billionen Euro im Umlauf, was durchschnittlich fast 5.000 Euro pro Bürger entspricht.
Warum Scheine und Münzen bei Infrastrukturausfällen unverzichtbar bleiben
Der iberische Stromausfall vom April 2025 demonstrierte eindrucksvoll die kritische Bedeutung von physischem Geld bei Systemausfällen. Über 50 Millionen Menschen waren betroffen, als digitale Zahlungsinfrastrukturen komplett zusammenbrachen. Die Auswirkungen waren dramatisch messbar :
| Zahlungsart | Rückgang während Stromausfall |
|---|---|
| Kartenzahlungen | 41-42% |
| Online-Handel | 54% |
| Bargeld | 0% (vollständig funktionsfähig) |
Während elektronische Systeme ausfielen, blieb Bargeld als einziges verfügbares Zahlungsmittel vollständig funktionsfähig. Nach Wiederherstellung der Stromversorgung stiegen die Geldautomaten-Abhebungen deutlich über normale Werte, da Bürger ihre Reserven wieder auffüllten. Piero Cipollone, Mitglied des EZB-Direktoriums, betont in seiner Analyse, dass Euro-Scheine und -Münzen als zuverlässiges Zahlungsmittel unverzichtbar bleiben.
Die Offline-Funktion von Bargeld macht es zu einem systemkritischen „Ersatzreifen“ für das Zahlungssystem. Mehrere europäische Behörden empfehlen konkrete Bargeldreserven für Haushalte :
- Niederlande : 70-100 Euro pro Haushaltsmitglied
- Österreich : Ähnliche Beträge für Notfälle
- Finnland : Ausreichend Bargeld für 72 Stunden essentieller Ausgaben
Krisenzeiten verstärken die Nachfrage nach physischer Währung erheblich
Die COVID-19-Pandemie verdeutlichte das veränderte Verhalten in Krisenzeiten besonders eindrucksvoll. Binnen 90 Tagen nach Ausbruch stieg die tägliche Netto-Banknotenausgabe auf durchschnittlich 616 Millionen Euro – nahezu das Doppelte des normalen Wertes von 320 Millionen Euro. Dies führte kumuliert zu zusätzlichen 19,5 Milliarden Euro in der Bargeld-Zirkulation, obwohl gleichzeitig die Nutzung für alltägliche Transaktionen zurückging.
Die russische Invasion der Ukraine im Februar 2022 führte zu regionalen Anstiegen, die stark von der geografischen Nähe zum Konflikt abhingen. Besonders betroffen waren baltische Staaten und Nachbarländer mit Ausgaben von sechs bis zehn Standardabweichungen über ihren historischen Durchschnittswerten. In direkt angrenzenden Ländern stieg die tägliche Netto-Banknotenausgabe um geschätzte 36 Prozent. Selbst in hochdigitalisierten Regionen griffen Bürger verstärkt zu physischem Geld als Sicherheitsreserve.
Rechtliche Rahmenbedingungen und die Zukunft des Bargeldzugangs
Die EZB positioniert sich klar gegen „No Cash“-Praktiken im Einzelhandel. Cipollone stellt unmissverständlich fest, dass solche Praktiken grundlegend unvereinbar mit dem Status von Euro-Bargeld als gesetzliches Zahlungsmittel sind. Der Europäische Gerichtshof hat diese Interpretation bestätigt. Solche Praktiken bergen das Risiko, Gesellschaftsmitglieder auszuschließen, insbesondere Menschen, die auf Bargeld angewiesen sind.
Ein zentrales Problem bleibt die abnehmende Verfügbarkeit von Bargeld-Dienstleistungen. Der Rückgang von Bankfilialen durch Konsolidierungen im Bankensektor sowie die sinkende Anzahl von Geldautomaten stellen erhebliche Herausforderungen dar. Die geplante Legal Tender of Cash Regulation soll diesem Problem mit gemeinsamen Indikatoren zur Überwachung des Bargeld-Zugangs entgegenwirken. Diese berücksichtigen unterschiedliche Entfernungen zwischen städtischen Gebieten (1, 2 und 5 Kilometer) und ländlichen Regionen (5, 10 und 15 Kilometer).
Der geplante digitale Euro wird physisches Bargeld nicht ersetzen, sondern vielmehr ergänzen und einen „digitalen Ausdruck von Bargeld“ bieten. Die einzigartigen Eigenschaften von Bargeld – greifbar, widerstandsfähig, offline und weit verbreitet – bleiben in Krisenzeiten von entscheidender Bedeutung und werden auch für die Krisenvorsorge genutzt.










